indische Sprachen, Schriften und Literaturen


indische Sprachen, Schriften und Literaturen
indische Sprachen, Schriften und Literaturen
 
Etwa zwischen 1500 und 750 v. Chr. wanderten indogermanische Volksstämme nach Indien ein. Sie trafen auf eine einheimische Bevölkerung, deren Sprache zu dem heute noch bestehenden Dravidisch und den Munda-Sprachen gehörte. Die Einwanderer selbst sprachen Indoarisch, das zur indogermanischen Sprachfamilie zählt. Nach ihrem Schrifttum, den Veden, nennt man es Vedisch oder vedisches Sanskrit. Hieraus entstand die klassische Kultursprache Indiens, das Sanskrit (»sanskrita« = kultiviert). Daneben entwickelte sich aber auch eine lebendige, von vielen Dialekten geprägte Umgangssprache, das Mittelindische oder Prakrit (»prakrita« = natürlich). Die ältesten schriftlichen Zeugnisse des Prakrit finden sich auf den Steininschriften des Kaisers Ashoka aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Sie sind in Ardha-Magadhi (=Halb-Magadhi) abgefasst, der Sprache, in der auch derBuddha predigte. Darauf folgte das Pali, die Literatursprache der Buddhisten und bis heute Kirchensprache des südlichen Theravada-Buddhismus. Die späteste Form des Mittelindischen, die einen fließenden Übergang zu den neuindischen Sprachen herstellt, bildet das Apabhransha, das seit etwa 500 n. Chr. literarisch belegt ist.
 
Die modernen indischen Sprachen gingen aus den verschiedenen mittelindischen Dialekten, dem Dravidischen und den Munda-Sprachen hervor. Zu den neuindischen Sprachen, die mit dem Indogermanischen verwandt sind, gehört unter anderen das in Nordindien gesprochene Hindi, eine der offiziellen Amtsprachen Indiens. Durch den Kontakt mit den islamischen Eroberern entstand das dem Hindi sehr nahe stehende Urdu, die Staatssprache des heutigen Pakistan. Im Osten Indiens, in Westbengalen mit der Hauptstadt Kalkutta sowie im benachbarten Staat Bangladesh, spricht man Bengali. Daneben gibt es noch eine Vielzahl von Regionalsprachen, wie beispielsweise Sindhi, Panjabi, Gujarati und Marathi im Nordwesten des indischen Subkontinents, Assamesisch und Oriya im Nordosten und Osten. Zu den neuindoarischen Sprachen zählt auch das von der Bevölkerungsmehrheit auf Sri Lanka gesprochene Singhalesisch. Den bedeutendsten Vertreter des Dravidischen bildet das Tamil, das sich über Südindien und einen Teil der Insel Sri Lanka erstreckt. Ebenfalls zur dravidischen Sprachfamilie gehören nördlich von Tamil Nadu das Malayalam und das Kannada (im Westen) sowie das östlich davon gesprochene Telugu. Die Munda-Sprachen, die zur austroasiatischen Sprachengruppe gerechnet werden, existieren heute nur noch in den Rückzugsgebieten der Bergregionen von Bihar, Orissa und Madhyapradesh.
 
Wegen der geographischen Nähe haben auch ostasiatische Sprachen auf die indische Sprachenvielfalt eingewirkt. Sinotibetischen Einfluss zeigen Dialekte in den indischen Himalayagebieten, in Ladhak, Assam, Bhutan und Sikkim, ebenso wie das Newari und Sharpa in Nepal. In neuester Zeit kommt das Tibetische in den kulturellen Zentren der Exiltibeter in Indien hinzu. Zu erwähnen bleibt noch, dass die heute zumeist in Vorderasien und Europa verbreiteten »Zigeunersprachen« (Romani) ihren Ursprung vor mehr als tausend Jahren ebenfalls im Mittelindischen hatten.
 
Die älteste indische Schrift ist die Industalschrift, eine Bilderschrift, die bis heute nicht entziffert werden konnte. Das zentrale Ausdehnungsgebiet der Industalkultur lag im nördlichen Pakistan, am Oberlauf des Indus in der Zeit vor der indogermanischen Einwanderung, etwa zwischen 2150 und 1750 v. Chr.Danach treffen wir, belegt durch Inschriften und Münzen, auf die rechtsläufige Brahmi- und die linksläufige Karoshthi-Schrift. Für beide nimmt man an, dass sie um die Zeit des Kaisers Ashoka (um 300 v. Chr.) eingeführt wurden. Die Brahmi-Schrift, die nach traditioneller Vorstellung von dem Gott Brahma geschaffen sein soll und nach ihm benannt ist, bildet die Vorlage für alle heute gebräuchlichen indischen Schriften. Die Karoshthi-Schrift entstand in Anlehnung an das semitische Alphabet, wurde jedoch nur bis zum 3.-4. Jahrhundert n. Chr. - in entlegeneren Gebieten bis zum 7. Jahrhundert - in Indien benutzt.
 
Die Weiterentwicklung der Brahmi-Schrift lässt sich generell in zwei Schreibstile einteilen: den nordindischen mit der charakteristischen Oberlinie, horizontalen und vertikalen Strichen und den südindischen mit Wellenlinien und kreisförmigen Ornamenten. Dies war bedingt durch das damals in Indien verwendete Schreibmaterial. Im Norden benutzte man bevorzugt die Feder, Rötelsaft und Birkenrinde, im Süden einen Griffel und Palmblätter. Auf den Palmblättern hätte eine mit einer harten Feder durchgezogene Linie die zarte Struktur des Beschreibstoffes zerstört. Beispiele für den nördlichen Schrifttyp sind unter anderem die Devanagari-Schrift, in der Hindi und vorwiegend auch klassisches Sanskrit geschrieben werden, sowie die Bengali-Schrift; die singhalesische und die Tamil-Schrift sind Repräsentanten des südlichen Stils.
 
In Anlehnung an den nordindischen Schrifttyp wurde mit der Übernahme des Buddhismus im 7. Jahrhundert n. Chr. auch die tibetische Schrift entworfen. Die islamischen Eroberer brachten die arabische Schrift nach Indien, die heute in Pakistan und Teilen Nordindiens für das Urdu gebräuchlich ist.
 
Neben der religiösen und weltlichen Kunstdichtung in Sanskrit entstand eine weit gefächerte Literatur in den oben erwähnten Volkssprachen. Seit dem »ersten buddhistischen Konzil« (etwa 300 v. Chr.) begann man die religiösen buddhistischen Texte zusammenzutragen und später in der mittelindischen Sprache Pali, in einem dreiteiligen buddhistischen Kanon, dem Tripitaka oder »Drei-Korb«, niederzuschreiben. Der erste dieser »Körbe«, das Vinayapitakam, beschäftigt sich mit der Ordenszucht, der zweite, das Sutrapitakam, enthält die Lehrreden und der dritte, das Abhidharmapitakam, die scholastische Metaphysik.
 
Für die Ausbreitung des Buddhismus war die Predigttätigkeit der Mönche ein ganz wesentliches Element. Zu diesem Zweck entstand eine umfangreiche religiöse Erbauungsliteratur, vor allem die Pali-Jatakas. Sagen, Fabeln und Legenden, die viel älter waren als der Buddhismus, wurden uminterpretiert, mit dem Buddha verknüpft und als Träger buddhistischen Gedankengutes weitererzählt. Etwa im 5. Jahrhundert n. Chr. begann man, sie schriftlich festzuhalten. Berühmt geworden ist auch das Milindapanha. In der recht originellen Weise eines Frage- und Antwortdialogs erklärt hier der buddhistische Mönch Nagasena dem griechisch-indischen König Menandros (Milinda) die buddhistische Lehre. Das Werk entstand um die Zeitenwende in Sanskrit und wurde später ins Pali übersetzt.
 
Vielfach haben sich indische Dichter der Epen des klassischen Sanskrit angenommen und sie in die Sprache ihrer Zeit übertragen. So enstand zum Beispiel eine Bearbeitung des »Ramayana«, der Heldentaten des Gottes Rama, in Tamil von dem Dichter Kampa unter dem Titel »Ramavataram«. In Hindi verfasste um 1600 Tulsidas das sehr bekannte und beliebte »Ramcaritmanas« (»See des Lebenslaufs des Gottes Rama«). Religiöse Dichtung, die die die inbrünstige Liebe und Hingabe an einen Gott (»bhakti«) - oft an den Gott Krishna - zum Thema hat, verfassten der Heilige Tukaram in Marathi (1608-49), die rajasthanische Prinzessin Mirabai (um 1500) und der Bengale Caitanya. Vom Islam beeinflusst schrieb der Sänger Kabir um 1500 seine Lyrik der Gottesliebe. Die gesammelte Dichtung des Guru Nanak (1469-1538), des Begründers der Sikh-Religion, bildete die Grundlage für die heilige Schrift der Sikhs, den »Guru Granth Sahib«.
 
In der Neuzeit haben sich die indischen Dichter neben schöngeistigen Themen, wie beispielsweise Mirza Ruswa mit dem Roman »Die Kurtisane von Lucknow« in Urdu und die Dichtung des bengalischen Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore, auch zunehmend den politischen und sozialen Problemen ihres Landes zugewandt. Zu nennen ist hier der erste wirklich realistische indische Autor Munshi Premcand (1888-1936), der in Hindi und Urdu schrieb. Seine Geschichten handeln von den Unterdrückten und kleinen Leuten und ihrem Existenzkampf in der indischen Gesellschaft zur Zeit des Unabhängigkeitskampfes.
 
Die Anfänge der zum indischen Kulturkreis gehörigen singhalesischen Literatur sind eng mit der Ausbreitung des Buddhismus verbunden. Neben frühen Kommentaren zum Pali-Kanon entstanden auf Sri Lanka im 5. Jahrhundert die Pali-Chroniken »Dipavansa« (Chronik von der Insel) und »Mahavansa« (Die große Chronik). Mitte des 15. Jahrhunderts schrieb der Mönch Vättäva in Anlehnung an die buddhistischen Legenden der Jatakas, eines der schönsten Kunstgedichte in singhalesischer Sprache, das »Guttilakavyaya, das »Gedicht über den Buddha in seiner früheren Existenz als Musiker Guttila«.
 
Dr. Marion Meisig
 
 
Sivaramamurti, Calambur: Indien. Kunst und Kultur. Übersetzung und Bearbeitung der deutschen Ausgabe von Oskar von Hinüber. Freiburg im Breisgau u. a. 41987.

Universal-Lexikon. 2012.

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